Die Weimarer Erklärung

zusammenleben. zusammenhalten.

Die Mitgliederversammlung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes verabschiedete am 8. Mai 2019 einstimmig die Weimarer Erklärung „zusammenleben.zusammenhalten.“

Volkshochschulen stehen ein für Chancengleichheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Deutschland verändert sich: Wir werden weniger, älter, und bunter. Vertraute Formen des sozialen Lebens lösen sich auf, traditionelle gesellschaftliche Übereinkünfte werden in Frage gestellt, etablierte Organisationen und Institutionen verlieren an Bindungskraft, rasante Veränderungen in unserer Lebens- und Arbeitswelt durch Globalisierung und Digitalisierung führen zu Verunsicherungen und Ängsten, zu einem Rückzug ins Private oder gar zur Flucht in die scheinbar einfachen Lösungen des Populismus. Unser sozialer Zusammenhalt wird von Spaltungstendenzen bedroht.

Volkshochschulen können nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen, aber sie ermöglichen es den Menschen, in einer zunehmend komplexer werdenden Welt den Durchblick zu behalten und ihr Leben eigenverantwortlich und sinnvoll zu gestalten. Sie können durch ihre Bürgernähe und ihre Begegnungsangebote den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und durch ihre Weiterbildungsangebote neue Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln, Ungerechtigkeiten in der Bildung aufbrechen und zu mehr Chancengleichheit beitragen.
Die Volkshochschulen werden gebraucht.

Grundbildung als zentraler Baustein der Nationalen Weiterbildungsstrategie
Noch immer beenden viel zu viele Jugendliche in Deutschland die Schule oder ihre Ausbildung ohne einen erfolgreichen Abschluss. Noch immer können viel zu viele Menschen nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen. Sie sind deshalb in ihrer sozialen, kulturellen, politischen und beruflichen Teilhabe eingeschränkt und tragen ein höheres Risiko, wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängt zu werden.

Mit ihrem breiten Programmangebot richten sich Volkshochschulen an Alle, fördern Chancengleichheit und sorgen für mehr Teilhabe durch Bildung. Mit ihren Angeboten zur Alphabetisierung und Grundbildung, mit Kursen für einen nachgeholten Schulabschluss und Hilfen für einen erfolgreichen Abschluss einer Berufsausbildung unterstützen die Volkshochschulen insbesondere bildungsferne und -benachteiligte Gruppen und wenden sich gegen Ausgrenzungen und gesellschaftliche Spaltungen.

Volkshochschulen treten ein für mehr Chancengerechtigkeit und für eine gezielte Förderung von weiterbildungsfernen und gering qualifizierten Gruppen. Diese Aufgaben sind von grundlegendem öffentlichen Interesse und benötigen nicht nur stabile Förderstrukturen, sondern auch eine Weiterbildungskultur, in der eine breite Grundbildung für alle als Querschnittthema einen festen Platz hat.

Wir fordern, dass die nachhaltige Förderung der Grundbildung zu einem zentralen Baustein der Nationalen Weiterbildungsstrategie für die nächsten 10 Jahre gemacht wird.

Förderung des „Digitalen Wandels“ auch in der Weiterbildung
Die Digitalisierung revolutioniert unsere Kommunikations-, Informations- und Arbeitsprozesse nachhaltig und vergrößert Partizipationsmöglichkeiten in ungeahnter Weise. Zugleich schürt sie Verunsicherungen und fördert sowohl im alltäglichen als auch im beruflichen Leben die Gefahr eines weiteren Auseinanderdriftens in der Gesellschaft. Eine wachsende Zahl von Beschäftigten mit einem hochkompetenten Umgang mit digitalisierten Medien und Methoden steht einer potentiell wachsenden Zahl von Menschen gegenüber, die den Anschluss an die Veränderungen in der Arbeitswelt 4.0 zu verlieren drohen.

Einer solchen Spaltung muss von Anbeginn und in allen Abschnitten der Bildungsbiographie entgegengewirkt werden: altersgemäß, niedrigschwellig, kontextbezogen, selbstmotivierend. Die allgemeine Weiterbildung kann zu einem solchen Aufbau an digitaler Kompetenz – sowohl hinsichtlich der Nutzungs- als auch der Informationskompetenz und des Reflexionsvermögens – Entscheidendes beitragen. Sie ermöglicht die zeitgemäße Bewältigung des zunehmend digitalisierten Alltags, und sie legt Grundlagen und kann hinführen zur beruflichen Aus- und Weiterbildung und auch nach der beruflichen Lebensphase Anschluss und Teilhabe am technologischen Wandel ermöglichen.

Volkshochschulen wollen und können mit generationenübergreifenden und spezifischen Angeboten die Teilhabe für alle Bevölkerungsgruppen in der digitalen Welt ermöglichen. Die Bürgerinnen und Bürger müssen zum aktiven und reflektierten Agieren im digitalen Raum befähigt werden.

Wir fordern, den notwendigen Erwerb digitaler Kompetenzen für alle Bevölkerungsgruppen und für alle Phasen der Bildungsbiographie zu realisieren. Der Digitale Wandel muss auch in der allgemeinen und beruflichen Weiterbildung gefördert werden.

Zusammenleben mit Menschen in Not und Integration von Zugewanderten
Millionen Menschen müssen ihre Heimat wegen Krieg, Bürgerkrieg und Verfolgung verlassen und flüchten in andere Länder. Hundertausende suchen Schutz auch in Deutschland. Es ist eine moralische Pflicht, ihnen sowohl Schutz zu geben als auch ein angemessenes Leben in unserem Land zu ermöglichen. Dazu zählt der elementare Zugang zur deutschen Sprache genauso wie eine erste Orientierung in der neuen Lebenswelt und im Zusammenleben. Die Volkshochschulen wirken aus Überzeugung und mit Kompetenz an diesen Aufgaben mit und tragen zum erfolgreichen Zusammenleben bei.

Andere Menschen kommen in unser Land, weil sie hier in Zukunft arbeiten und sich dauerhaft mit ihren Familien niederlassen wollen. Ihre Integration in das gesellschaftliche und politische Leben, in das System an Bildungsangeboten wie in die Arbeitswelt ist eine langfristige gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu der die Volkshochschulen als offene und freie kommunale Bildungseinrichtung für Erwachsene aus ihrer breiten Verankerung in den Städten und Gemeinden sehr viel beitragen können.

Volkshochschulen sind überzeugt davon, dass Bildung zu jedem Zeitpunkt und unter allen Umständen eine sinnvolle Investition in die Zukunft ist - auch für diejenigen, die ohne sichere Bleibeperspektive einen längeren Zeitraum in Deutschland verbringen. Wir unterstützen dabei alle Initiativen für Bildung von Anfang an und in allen Abschnitten der persönlichen Lebensbiographie. Für Bildung und ausdrücklich auch für Weiterbildung ist es nie zu spät.

Wir fordern Weiterbildungs- und Integrationsangebote für alle Zugewanderten, die längere Zeit in Deutschland leben. Integration bedarf eines ganzheitlichen Ansatzes, in dem neben der sprachlichen, kulturellen und beruflichen Integration auch Werte und Regeln unseres Gemeinwesens sowie die Bereitschaft zum interkulturellen Lernen und zum wechselseitigen Austausch von Lebenserfahrungen und Standpunkten vermittelt werden.

Für unsere Demokratie: Zum Engagement und zum Streit bereit
Seit ihren ersten Gründungen vor über 100 Jahren sehen die Volkshochschulen ihren öffentlichen Auftrag in der Realisierung des Rechts auf lebenslanges Lernen, in mehr Bildungsgerechtigkeit und in einem umfassenden Bildungsverständnis. Wir sind stolz darauf, dass die Weimarer Reichsverfassung, die vor 100 Jahren das erste demokratische Staatswesen in Deutschland begründete, in Artikel 148 die Förderung der Volkshochschule als Teil des Volksbildungswesens zu einer wichtigen bildungspolitischen Verpflichtung erhoben hat. Jetzt, im 70. Jahr des Bestehens unseres Grundgesetzes, dürfen wir feststellen, dass die Volkshochschulen zu dem bedeutendsten und breit anerkannten Träger von Weiterbildung in öffentlicher Verantwortung geworden sind und ihre Aufgabe in den Kreisen, Städten und Gemeinden unseres Landes mit Engagement, mit Kompetenz und mit Erfolg wahrnehmen.

Die Volkshochschulen haben ein klares Leitbild, das in den Prinzipien der europäischen Aufklärung und des Humanismus gründet. Wir stehen in der politischen Tradition der Weimarer Verfassung und bekennen uns zu den Werten des Grundgesetzes. Als „Töchter der Demokratie“ entstanden und groß geworden, wollen wir mit Engagement und Streitbarkeit das gute gesellschaftliche Miteinander stärken und die demokratische Auseinandersetzung um gute Lösungen und Kompromisse begleiten und fördern.

Populistische, rassistische und antidemokratische Tendenzen dürfen in unserer Gesellschaft und in unserem Gemeinwesen keinen Platz gewinnen. Auch deshalb stellen wir den 100. Geburtstag der Volkshochschulen in Deutschland unter das Motto „zusammenleben. zusammenhalten“ und laden alle Freundinnen und Freunde der Volkshochschulen ein, diesen Auftrag mit uns zusammen auch in Zukunft mit Leben zu erfüllen.

Weimar, den 08.05.2019
 



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